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Sonntag, 16. Juni 2019
Gesetze, die ein niedergelassener Arzt auch ohne QM einhalten sollte >
< Warum auch stabile Teams QM brauchen
28.07.2016

Warum es so wichtig für den Arzt ist, sich um seine Mitarbeiter zu kümmern

Oder: Und wenn ich den Arbeitsschutz nicht einhalte? – Wie Ärzte sich selbst schaden, indem sie ihren Mitarbeitern schaden.

Mitarbeiter sind das wertvollste Kapital einer Arztpraxis. Denn Praxen funktionieren nur durch die Zusammenarbeit von Ärzten und MFAs, früher Arzthelferinnen. Ohne die Unterstützung seiner MFAs könnte ein Arzt nur einen Bruchteil der Patienten behandeln, denn er müsste sich um alles selbst kümmern, also auch um:

  •  Patientenbegrüßung, -verabschiedung, -aufnahme
  • Abrechnung
  • sämtliche Bestellungen
  • Informationsaustausch mit anderen Einrichtungen wie Labor, Mitbehandelnden, Krankenkassen, Versicherungen, Ämtern, …
  • Einholen von Informationen
  • Entsorgung
  • Recherche und Erarbeitung von Hygiene-, Datenschutz- und anderen Standards
  • Verwaltung des Geräteparks

Dadurch bliebe ihm zwangsläufig weniger Zeit für die Patientenversorgung. Selbst wenn er auf alle Tätigkeiten rund um die Bezahlung seiner Leistung verzichten würde, wäre er nur ein guter Arzt, wenn er zumindest alles Wichtige für den Patienten berücksichtigen würde (vor allem bezüglich der Organisation, der Einhaltung der Hygiene und des Datenschutzes in der Praxis und beim Austausch mit Mitbehandelnden). Also ist der Arzt auf Arbeitsteilung angewiesen, damit sein Tun sowohl sozialverträglich als auch wirtschaftlich sinnvoll ist.

Das funktioniert, indem er Mitarbeiter einstellt. Damit wird er nach deutschem Recht Arbeitgeber und übernimmt bestimmte Rechte und Pflichten, denn die Angestellten müssen in seinem Sinne handeln, sind aber von ihm abhängig. Damit es nicht zur Benachteiligung einer der beiden Parteien kommt, wird der Mindestanspruch an die Zusammenarbeit schriftlich und verbindlich vom Staat geregelt – wie im Arbeitsschutzgesetz.

Jede Tätigkeit birgt Chancen, aber auch Risiken. Diese sind materieller wie auch immaterieller Art. Das Arbeitsschutzgesetz verpflichtet deshalb den Arbeitgeber zu ermitteln, welchen Gefahren er seine Angestellten aussetzt. Das tut er in einer Gefährdungsbeurteilung (entsprechend § 5 Arbeitsschutzgesetz). Der Gesetzgeber schreibt auch vor, welche Dimensionen dabei berücksichtigt werden sollen:

"(3) Eine Gefährdung kann sich insbesondere ergeben durch
1. die Gestaltung und die Einrichtung der Arbeitsstätte und des Arbeitsplatzes,
2. physikalische, chemische und biologische Einwirkungen,
3. die Gestaltung, die Auswahl und den Einsatz von Arbeitsmitteln, insbesondere von Arbeitsstoffen, Maschinen, Geräten und Anlagen sowie den Umgang damit,
4. die Gestaltung von Arbeits- und Fertigungsverfahren, Arbeitsabläufen und Arbeitszeit und deren Zusammenwirken,
5. unzureichende Qualifikation und Unterweisung der Beschäftigten,
6. psychische Belastungen bei der Arbeit." (§ 5 Arbeitsschutzgesetz)

All diese Gefährdungen sollen betrachtet werden, denn Leben und Gesundheit eines Arbeitnehmers können sowohl physikalisch, als auch psychisch gefährdet sein.

 

Anzeichen für ein gesundes Betriebsklima
Fühlen sich die Mitarbeiter wohl und spüren sie, dass ihr Gesamtwohlbefinden ihrem Arbeitgeber wichtig ist, äußert sich das z.B. durch

  •  Eine hohe Mitarbeiter-Zufriedenheit
  • eine freundliche und herzliche Arbeitsatmosphäre
  • gute Laune
  • eine hohe Mitarbeiterloyalität und Verbundenheit mit dem Chef

 

Anzeichen für ein schädigendes Betriebsklima
Hat ein Arbeitgeber aber bisher die Bedeutung seiner Fürsorgepflicht für seine Arbeitgeber noch nicht erkannt, macht auch das sich bemerkbar, z.B. durch

  •  einen hohen Krankenstand
  • eine hohe Fluktuation, kurze Verweildauer in der Praxis
  • Mehrarbeit für verbliebene Mitarbeiter (= Zusatzbelastung)
  • eine geringe Einsatzbereitschaft über das Mindestmaß hinaus ("Dienst nach Vorschrift")

 

Nicht in Stein gemeißelt
Dabei ist die Situation nicht Gott gegeben, gesetzt und unabänderlich bis in alle Ewigkeit. Es gibt viele verschiedene Möglichkeiten, sich die eigene Ist-Situation zu verdeutlichen. Zu den einfachsten gehören z.B.:

  •  Auswertung von Statistiken aus Zahlen, die durch Lohnbuchhalten etc. ohnehin anfallen
  • Mitarbeiter-Befragungen
  • Mitarbeiter-Gespräche

Und die vom Arbeitsschutzgesetz geforderte Gefährdungsbeurteilung (§ 5 Arbeitsschutzgesetz), bei deren Erstellung sowohl Fachkraft für Arbeitssicherheit als auch Betriebsarzt mithelfen sollten.

 

Alle Gefährdungen gleichermaßen berücksichtigen
Meist fällt die Einschätzung der physikalischen Gefährdungen in der Gefährdungsbeurteilung leichter. Das darf aber nicht dazu führen, dass die Einschätzung der psychischen Situation der Mitarbeiter vernachlässigt wird. In Zeiten, in denen Themen wie "Mobbing", "Burnout" und "Depression" bereits in der allgemeinen Öffentlichkeit diskutiert werden, sind diese umso wichtiger.

Für Abhilfe der physikalischen Gefährdungen gibt es zahlreiche Verordnungen in Anlehnung an das Arbeitsschutzgesetz, die konkrete Maßnahmen weiter ausführen.

Psychischen Gefährdungen kann durch viele kleine Stellschrauben des QM vorgebeugt werden. Denn auch im Rahmen des QM gibt es viele Elemente, die die Situationen der Praxis positiv beeinflussen können, wie

  •  Aufgabenverteilung
  • Stellenbeschreibungen
  • Erhebung von Kennzahlen
  • Regelmäßige Befragungen der Patienten und Mitarbeiter
  • Risikoanalysen
  • Teamsitzungen
  • Geregelte Arbeitsabläufe (z.B. durch Arbeitsanweisungen)
  • Struktur und Transparenz

Natürlich müssen dazu aus den gewonnenen Erkenntnissen Maßnahmen abgeleitet werden.

 

Erste "weiche" Konsequenzen der mangelnden Fürsorgepflicht
Ist die Stimmung im Team erst einmal soweit abgesunken, dass die ersten Mitarbeiter kündigen, entsteht mit der Zeit ein Teufelskreis, wenn diese Mitarbeiter nicht erfolgreich und dauerhaft ersetzt werden können: Durch die fehlenden Mitarbeiter entsteht Mehrarbeit für die anderen. Das drückt die Stimmung weiter, so dass es zu weiteren Kündigungen kommt. Die ersten Aufgaben bleiben liegen. Parallel steigt meist der Krankenstand, erst unauffällig, dann offensichtlich. Immer mehr Arbeit wird auf weniger Schultern verteilt und wichtigere Aufgaben bleiben liegen. Das spüren auch die Patienten durch die angespannte Stimmung im Team irgendwann und suchen sich eine Praxis mit besserer Betreuung und freundlicherer Atmosphäre. Es kommt zu Umsatzeinbußen und höheren Ausgaben. Läuft es ganz schlecht, sind die Mitarbeiter irgendwann so frustriert, dass sie die Praxis beim Amt für Arbeitsschutz anschwärzen. (So bereits geschehen.) Zu allem Übel kommen dann Begehungen durch das Amt, behördliche Auflagen und Bußgelder. Spätestens dann sinkt der Ruf der Praxis rapide ab.

 

"Harte" Konsequenzen der mangelnden Fürsorgepflicht
Spätestens, wenn das Amt für Arbeitsschutz auf die Praxis aufmerksam geworden ist, wird es unangenehm. Denn dieses will eine Gefährdungsbeurteilung sowohl für physikalische wie auch psychische Gefährdungen und eindeutig ergriffene Maßnahmen sehen. Das Amt kann aber auch Einsicht in Dienstpläne etc. nehmen, um einem Verdacht auf den Grund zu gehen. Wer vorsätzlich oder fahrlässig keine Gefährdungsbeurteilung vorlegen kann, begeht eine Ordnungswidrigkeit im Sinne von § 9 Abs. 1 Nr. 1 ArbStättV in Verbindung mit § 22 Abs. 3 ArbSchG und § 25 Abs. 1 Nr. 2. a) ArbSchG. Dies kann mit einer Geldbuße bis zu fünfundzwanzigtausend Euro belegt sein. Hat der Arbeitgeber das Leben oder die Gesundheit eines Beschäftigten vorsätzlich gefährdet, kann er mit einer höheren Geldbuße oder Freiheitsstrafe belegt werden.

 

Der erste Schritt
Soweit muss es nicht kommen. Manchmal sind es nur wenige, aber wesentliche Veränderungen, die zu einer erheblichen Verbesserung der Team-Situation beitragen können. Wichtigste Voraussetzungen:

1)    Gefährdungen der Mitarbeiter sollten systematisch erkannt werden, bevor die Stimmung umschlägt.
2)    Veränderungen müssen zugelassen werden.
3)    Das Team muss miteinander und mit dem Chef kommunizieren.

Dazu gehört auch, dass der Chef leitenden Angestellten einen gewissen abgesprochenen Handlungsspielraum einräumt und selbst Fehler bzw. Verbesserungspotential einräumen kann. Dann ist der Weg zu einem positiven Betriebsklima mit zufriedenen, treuen Mitarbeitern geebnet.

 

 

Marion Meyer

Unsere Blog-Autorin

Hier bloggt Marion Meyer, M.A.

  • Gründerin von QMedicus,
  • DGQ Qualitätsbeauftragte und interne Auditorin
  • Datenschutzbeauftragte IHK
  • Redakteurin

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